Profan vs. Heilig: Die Architektur unseres Bewusstseins
Wir hängen mit jeder Faser am profanen Leben – an jener Welt, die vom Kampf gegen die Witterung, den Hunger und die Langeweile geprägt ist. Unsere Sinnlichkeit bindet uns an diese Realität. Die profane Welt ist dabei nicht nur die Bühne unseres Handelns; sie durchdringt uns von allen Seiten. Wir sind einerseits Teil von ihr und andererseits ihre Konstrukteure.
Vom Clan zum Individuum
Als wir begannen, uns in Clans zu organisieren, vernetzten wir uns innerhalb der profanen Welt und schufen einfache Gesellschaftsformen. Zu Beginn war die Abhängigkeit innerhalb der Gruppe gering, da jeder alles beherrschte. Doch mit zunehmender Vernetzung setzte die Spezialisierung ein. Diese schuf Freiräume, in denen sich erstmals Individualität entwickeln konnte.
In der Frühzeit (dem Zeitalter des Totemismus, das bis tief in unsere Stammesgeschichte zurückreicht) bezog sich diese Individualität jedoch noch nicht auf die Person, sondern auf den Clan. Erst durch die „Schaffung von Freiräumen“ konnten wir uns dem sozialen Leben widmen und gemeinsam höhere Ideale und Werte entwickeln.
Die Geburt der Götter aus dem Sozialen
Da Ideale abstrakt sind, binden wir sie an Symbole, um ihnen in der profanen Welt Kraft zu verleihen. Zuerst waren dies Clanabzeichen, später Tiersymbole und Ahnenbilder. Mit zunehmender Vernetzung und Bewusstwerdung wurden diese Symbole menschlicher. Die Ideale wanderten von Naturzeichen (Bäume, Felsen, Sonne) hin zu personifizierten Göttern – vom Polytheismus der Antike bis zum monotheistischen Gott der abrahamitischen Religionen.
Parallel zur Entwicklung des Individuums entwickelten wir den Glauben an einen individuellen Gott. Doch im Kern sind diese Götter nur unsere eigenen, kollektiv erarbeiteten Ideale. Der Mensch wird erst durch den Menschen zum Menschen; wir hängen unsere Werte an eine Symbolik, um im profanen Alltag leichter an sie erinnert zu werden.
Die Konstruktion der heiligen Welt
Um diese Ideale herum erschufen wir Gebote, Verbote und Geheimsprachen. So entstand die „heilige Welt“ – streng abgegrenzt vom profanen Leben. Die Askese dient dabei als Werkzeug, um die Sonderstellung des Menschen zu unterstreichen. Durch sie versucht der Mensch, seine Wurzeln im Profanen abzustreifen. Übertreibungen in der Askese sind notwendig: Sie halten das Ziel auf einer Ebene, die von der Masse nicht „hinabgerissen“ werden kann.
Hier liegt der Widerspruch: Die heilige Welt will sich abgrenzen, dehnt sich aber gleichzeitig in das Profane aus – denn ohne den Glauben der Massen könnte sie nicht existieren.
Fazit: Mut zur Unwissenheit
Wenn wir etwas nicht wissen, neigen wir dazu, es zu verdrehen oder in einen Gott zu flüchten. Wir sollten lernen zu sagen: „Wir wissen es nicht.“ Auch wenn das Leben eine zutiefst spirituelle Dimension besitzt, sind wir es, die durch unsere gemeinsame Vernetzung dem Leben Bedeutung geben.
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